Christus und die Atheistin an der Trinkhalle

Christus wanderte immer noch gern. Da bekam er mehr mit von der Landschaft und vor allem hatte er immer wieder Gelegenheit, mit den unterschiedlichsten Leuten ins Gespräch zu kommen.

Heute waren er und seine Freunde schon den ganzen Tag gelaufen. In der Abenddämmerung kamen sie bei einem kleinen Ort an. Am Ortseingang gab es einen Kiosk, über dem eine  „Trinkhalle“ geschriben stand. Daneben war die Bushaltestelle. Dort setzte sich Christus auf die Bank. Er war zu müde zum Weiterlaufen. Seine Freunde erkundigten sich nach Essen am Kiosk. Weil es an der Trinkhalle aber nur Getränke gab, machten sie sich auf die Suche nach einem Imbiss im Ort.

Während Christus seine müden Beine streckte, sah er eine Frau mittleren Alters auf sich zukommen. Sie hatte eine Tasche dabei, in der leere Flaschen klirrten. An der Trinkhalle gab sie diese zurück und bestellte im Gegenzug einen Sechserpack Göttinger Pils und zwei Tetrapack Rotwein.

 

„Könnten Sie mir vielleicht eine Flasche Wasser mitbestellen?“ fragte Christus höflich.

Die Frau hielt in der Bewegung inne und sah ihn misstrauisch an. „Ich soll Ihnen ein Wasser kaufen? Wie komm ich denn dazu? So wie sie aussehen …“ sie musterte ihn kurz, „sind Sie Pfarrer oder so was. Ich bin schon vor Jahren aus der Kirche ausgetreten. Mit Ihnen hab ich nix mehr am Hut. Und Sie mit mir doch auch nicht, oder?“

Christus schüttelte müde den Kopf. „Sie schätzen mich falsch ein. Wenn wir uns besser kennen würden, könnte ich Ihnen zum Austausch auch einen Tipp geben. Dann würden Sie hier nicht alle paar Tage Bier holen gehen, weil Sie von mir was Besseres bekommen.“

Die Frau lachte kurz und trocken. „Lieber Herr Pfarrer“, spottete sie, „Sie haben kein Geld, sich ein Wasser zu kaufen, und bieten mir was ‚Besseres’ an? Was soll das denn? Sie haben doch keine Drogen in der Tasche? Oder irgendwelche Wunderwässerchen? Nee, ich bleib bei meinem Bier. Da weiß ich, was ich habe.“

„Aber Bier und Wein tun doch nur oberflächlich gut“, gab Christus zu bedenken. „Sie werden im Herzen doch keine Ruhe finden. Und Sie werden das immer wieder brauchen, bis es Ihnen vielleicht sogar schadet. Ich könnte Ihnen aber zeigen, wie Sie mehr und besseres kriegen …“

„Hm, meinen Sie.“ Die Frau zögerte. „Also … - warum nicht? Zeigen Sie’s mir! Ich probier  gern mal was Neues  aus. Wird sich ja zeigen, ob’s funktioniert.“

 

„Gern“, erwiderte Christus. „Die Sache hat nur einen Haken: Ich kann Ihnen das nur zusammen mit Ihrem Mann zeigen.“

„Ich hab aber keinen Mann“ , entgegnete die Frau unwirsch.

„Hm, das dachte ich mir.“ Christus überlegte einen Moment, dann sprach er tastend weiter: „Sie haben – wie viele? Fünf? Sechs? – Beziehungen im Lauf der Jahre gehabt. Ein paar Mal waren Sie sogar verheiratet. Und jetzt haben Sie zwar einen Liebhaber, aber keinen Partner an Ihrer Seite. Stimmt das so ungefähr?“

Die Frau war verblüfft. „Hey, können Sie Gedanken lesen? Oder was ist das für’n Trick?!“ Sie hielt einen Moment inne. Dann lachte sie wieder, diesmal allerdings etwas angespannt: „Ah, Sie betätigen sich wohl als Prophet? Dann erklären Sie mir doch mal eine Sache: meine Freunde sagen, wenn man diese innere Ruhe finden will, die Sie erwähnt haben, dann sollte ich Tai Ch’i machen oder einen Meditationskurs an der VHS besuchen. Das liegt mir aber beides nicht so. Ich geh lieber in den Wald. Da kann ich gut entspannen und komm auch zum Nachdenken. Ich würd sogar sagen, da fühle ich mich Gott nah. Sie und Ihre Freunde dagegen, sie behaupten, man müsste immer in die Kirche gehen. Wie ist das denn nun?“

 

Christus sah sie ernst und freundlich an: „Das ist beides so nicht richtig. Es geht um was anderes. Ich bin allerdings überzeugt, dass es einen Unterschied gibt: Sie und Ihre Freunde suchen da etwas in der Meditation oder in der Natur – und Sie wissen eigentlich nicht, was; wir aber haben wissen, was wir suchen und finden können, weil Gott es gezeigt hat. Und das  finden wir unter anderem in der Kirche. Aber im Grunde geht es wie gesagt nicht darum. Gott möchte, dass wir ihn ehrlich und aufrichtig suchen und mit Hilfe seines Geistes finden. Er ist die Quelle, der Ursprung alles Guten.“

Die Frau entgegnete abwehrend:„Wenn es Ihren Gott gibt und der will, dass ich ihn finden kann, dann wird er schon dafür sorgen.“

Christus antwortete sanft: „Ja, das tut er. Er tut es jetzt, in unserem Gespräch hier.“

 

In diesem Moment kamen die Freunde von Christus zurück. Sie hatten eine Gaststätte gefunden und brachten Essen für alle mit. Sie wunderten sich ziemlich, eine Frau mit Christus im Gespräch anzutreffen. Die Frau nutzte die Gelegenheit und ging ohne sich zu verabschieden und gedankenverloren fort. Ihre Tasche mit den Getränken ließ sie bei der Bank zurück, was Christus mit einem zufriedenen Lächeln bemerkte.

 

„Wir haben zwar nur Brot, Wurst und etwas Obst bekommen, aber es ist genug für alle da!“ rief Jakob in die Runde. „Jetzt gibt es endlich was zu essen!“ Die Männer breiteten die Lebensmittel auf einer Decke auf dem Boden aus und setzten sich im Kreis darum herum. Christus schaute sie an und sagte: „Ich habe gar keinen rechten Hunger.“ Peter blickte auf und fragte: „Hat die Frau Dir etwa was gegeben?“ In seiner Stimme schwang leichter Ärger mit. Christus entgegnete: „Höre: Den Willen Gottes zu tun, macht satt.“

Weil darauf keiner etwas zu sagen wusste, fuhr er nach kurzem Schweigen fort: „Schaut doch mal, wer da kommt!“ Er wies auf eine kleine Gruppe von Leuten mit der Frau in der Mitte hin, die sich vom Ort her näherte. „Wir sind zu den Menschen geschickt worden, die Gott noch nicht kennen. Ihnen auf dem Weg zu Gott zu helfen, macht das Herz froh und die Seele satt! Mal können wir einen ersten Impuls geben, wie ich eben bei der Frau. Mal können wir dabei sein, wenn jemand den Schritt zu mir besiegelt und sich taufen lässt. Immer ist etwas möglich im Umgang mit den Menschen!“

 

Die Leute aus dem Ort waren mittlerweile angekommen. Weil die Frau ihnen vom Gespräch mit Christus erzählt hatte, waren sie neugierig geworden. Nach einer kurzen Begrüßung entspann sich eine lebhafte Diskussion über Gott und die Welt. Und weil das Essen nun nicht mehr für alle reichte, gingen sie gemeinsam ins Haus der Frau. Dort blieben sie ein paar Tage und erzählten einander Vieles. Was zur Folge hatte, dass ein ganzes Teil der Leute anfing, an Christus zu glauben.

 

 

*

nach Joh 4, 1-42

 

 

Christus wandert immer noch durch die Lande. In Dir und mir. Wir sind der Leib Christi. Wir sind sein Mund, seine Hände. Jeder ist ein stückweit ein kleiner Christus, ein Christ.

 



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