„… wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi …“

„Steve Jobs hat gesagt, der Tod sei möglicherweise die beste Erfindung des Lebens.“

Ich zuckte mit den Schultern. Die Rede hatte ich schon vor Jahren gehört, Carl wohl erst jetzt nach Jobs’ Tod.

„Aber selbst die, die in den Himmel kommen wollen, möchten nicht sterben, um dorthin zu gelangen“, zitierte Carl weiter. „Das hat er echt gut gesagt, was?!“ Er lachte.

Zugegeben. Und ich hatte viel zu selten friedlich Sterbende gesehen, als dass ich dem widersprechen konnte. Andererseits war das kein Thema zum Scherzen. Oder?

„Der Apostel Paulus …“ setzte ich an, aber Carl fiel mir ins Wort: „Gibt es eigentlich so ein Gerichtsurteil nach dem Tod, wie man früher gedacht hat?“

Das war nun noch ein anderer Gedanke. Ich musste kurz überlegen.

„’Es gibt viele, die sterben, ohne vorher wirklich gelebt zu haben.’ – Ist so was nicht schon Gericht genug?“ hielt ich ihm entgegen. „Wenn einer am Ende merkt, dass die Jahre ungenutzt geblieben sind? Wenn er vielleicht gar nur das Leben eines anderen gelebt hat?“

„Du kannst ja Fragen stellen!“ Carl neigte nachdenklich den Kopf und zog eine Schnute. Nach ein paar Minuten des Schweigens wandte er sich mir mit düsterem Blick zu. 

„Schöne Worte, wichtige Fragen! Gute Theorie!“ sagte er nachdrücklich. „Aber: wie ist das denn bei Dir?“

Da hatte er mich kalt erwischt. Zu gern hätte ich geantwortet ‚Klar lebe ich mein Leben richtig und voll und ganz.’ Doch was war dann mit der Routine, den oberflächlichen Begegnungen, mit all dem Lieblosen und Sinnlosen und dem manchmal ach so Langweiligen? War das ‚Leben vor dem Tod’?

„Schön, dass Du mal nichts zu antworten weißt.“ Carl lehnte sich zufrieden zurück.

Ich zögerte, wollte das aber nicht so stehen lassen. 

„Ich glaube, dass wir die Rechtfertigung durch Christus brauchen, damit unser Leben vor Gott – und vor uns selbst! – bestehen kann“, sagte ich. „Aber das ist keine Entschuldigung für ungelebtes Leben.  Die Altvorderen sollen gern gestorben sein, weil sie „lebenssatt“ waren. Nicht, weil sie es satt hatten! Sondern sie waren vom gelebten Leben satt geworden und vermissten nichts mehr …“

„Na, da haben sie Dir Einiges voraus gehabt, glaube ich.“ Carl konnte es nicht lassen.

„Und Dir?“ fragte ich zurück. „Dir nicht?“

 

 

 

Andacht im Göttinger Tageblatt zum 13.11.2011

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