1945-1955: Ein zweifacher Neuanfang: Baptisten im Nachkriegsdeutschland
Im Jahr 1946 erschien das Anschriftenverzeichnis des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher
Gemeinden. Ein Vergleich mit dem infolge des Krieges letztmalig für 1939
herausgegebenen Jahrbuch zeigte gravierende Unterschiede. Den Namen
Baptistengemeinden gab es nach dem 1941 erfolgten Zusammenschluss mit den
BfC-Gemeinden nicht mehr. Herausgegeben wurde es vom Bundeshaus in Bad Pyrmont. Das Bundeshaus in Berlin war zerstört worden. Ebenso das Verlagshaus in Kassel.
Deshalb hatte der Oncken-Verlag seinen Sitz in Stuttgart. Es fehlten
Statistiken und vor allem die Namen der Gemeinden, Vereinigungen und Werke
jenseits von Oder und Neiße, der neuen Ost- grenze. So war offensichtlich, dass
der Bund die Folgen des Krieges mitzutragen hatte. Aber auch andere
Unterschiede waren festzustellen. Neue Gemeindenamen, besonders im
süd-deutschen Raum waren zu finden, und vermehrt in den ab 1947 wieder
regelmäßig erscheinenden Jahrbüchern. Unter den Flüchtlingen aus dem Osten
waren wohl 43000 Gemeindeglieder. Auch sie hatten wie alle Heimat und Besitz
verloren, aber nicht ihren Glauben und die Liebe zur Gemeinde. Wenn sie an dem
neuen Wohnort keine Gemeinde vorfanden, suchten sie Gleichgesinnte und bildeten
eine neue Gemeinde. Ebenso mussten in den bestehenden Gemeinden die nun
versprengt wohnenden Gemeindeglieder gesucht werden.
So galt es im politischen Raum wie auch im Bund ein Neues zu schaffen. Sehr
bald fragten die deutschen Kirchen, ob an dem Neuanfang nicht ein
Schuldbekenntnis zu stehen habe. Die evangelischen Kirchen legten im Oktober
1945 das Stuttgarter Schuldbekenntnis ab, in dem es hieß: „Aber wir klagen uns
an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher
geglaubt und nicht brennender geliebt haben.“ Auf der Bundeskonferenz 1946 in
Velbert, der ersten nach Kriegsende, wurde von einem derartigen formulierten
Schuldbekenntnis abgesehen. Aber auf dem 1947 in Kopenhagen stattgefundenen
Baptistischen Weltkongreß sprachen Jakob Meister als Bundesvorsitzender und
Hans Rockel, der das Hamburger Predigerseminar leitete, das infolge der
Zerstörung in Wiedenest untergekommen war, über die Mitschuld der deutschen
Baptisten und baten um Vergebung. So wurde die weltweite Glaubensgemeinschaft
wieder hergestellt, die schon 1945 und 1946 durch Besuche des Generalsekretärs
D. Lewis und des Präsdenten des Weltbundes J. H. Rushbrooke gesucht worden war.
Der Weg wurde frei für umfangreiche Lebensmittelsendungen und Bauhilfen.
Sehr bald wurde die Frage nach der Notwendigkeit der Bundesgründung
1941 gestellt. 1949 wurde deshalb die „Dortmunder Ordnung“ verabschiedet, die
festlegte, was innerhalb des Bundes getrennt und was gemeinsam getan werden
soll. Ausdrücklich wurde festgestellt, dass sie in Anbetracht der guten Miteinanderarbeit
im Osten nur für die drei Westzonen gelten sollte. So blieb es aber nicht. 1949
verließen die ersten 25 BfC-Gemeinden den Bund. 1946 erschien erstmalig im
Oncken Verlag die Zeitschrift „Die Gemeinde“ und löste die früheren „Wahrheitszeugen“
und „Botschaft“ ab. Für den Osten gab ab 1947 die Evangelische
Versandbuchhandlung Otto Ekelmann „Wort und Werk“ heraus. Die „Neue
Glaubensstimme“ kam 1951 heraus und hatte nur noch 500 statt bisher 702 Lieder;
darunter viele neue, die bald gern gesungen wurden. 1948 wurden im Westen die
Westmark und im Osten die dort gültige Mark eingeführt. 1949 wurden die beiden
deutschen Staaten gegründet: BRD und DDR. Beide Ereignisse mussten maßgebliche
Folgen für den Bund haben. So wurde 1949 in Ost-Berlin eine
Bundesgeschäftsstelle-Ost eingerichtet. Das Bundeshaus befand sich seit 1948 in
Bad Homburg. Der Bundesrat 1949 in Kassel wählte als Vorsitzenden der
Bundesleitung Jakob Meister und als Vorsitzende West Hans Fehr und Ost Otto Soltau.
Erstmalig musste im Juni 1951 eine Bundeskonferenz für die Gemeinden in der DDR
in Ost-Berlin stattfinden. An der Bundesratstagung im Herbst konnte kein
Vertreter aus der DDR nehmen. Die in Ost-Berlin gefassten Beschlüsse wurden
dann bestätigt. Es wurde ständig versucht, gemeinsam zu handeln. Deshalb wurde
der gesamte Bund Mitglied der 1950 gegründeten Europäischen Baptistischen
Föderation und 1953 der Europäischen Baptistischen Mission, 1948 der
Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen, 1952 des Hilfswerkes der
Evangelischen Kirchen, mit dem schon seit 1946 eine Zusammenarbeit bestand. Das
erste Jahrzehnt nach dem 2. Weltkrieg hatte eine überaus wechselvolle Geschichte
mit vielfachen Neuanfängen.
Rolf Dammann (Berlin)


